Arbeitsmarkt- und Wachstumsindex im April 2012 - Wirtschaftsentwicklung: Prognose-Fieber

Viele Konjunkturforscher in den Instituten arbeiten zurzeit intensiv an ihren Frühjahrsprognosen mit den Aussichten für dieses und das nächste Jahr. Wie werden sich unsere Auslandmärkte und die Exporte entwickeln, wie die Investitionen des Staates und der Unternehmen, wie der private Konsum und schließlich die gesamtwirtschaftliche Leistung – das reale Bruttoinlandsprodukt?

Im Detail werden sich die Ergebnisse natürlich unterscheiden, wohl aber weniger in der Grundaussage: Nach einem schwachen Winterhalbjahr mit einem Minus im vierten Quartal und vermutlich einer schwarzen Null im ersten Quartal zeigt die Wachstumskurve in Deutschland wieder nach oben, so dass im Jahresdurchschnitt 2012 auf jeden Fall ein Plus herauskommt. Im nächsten Jahr dürfte dann schon wieder ein deutlicherer Anstieg des realen BIP zu erwarten sein – immer vorausgesetzt, dass sich die vielfältigen konjunkturellen Risiken nicht zu einem Konjunkturgewitter zusammenbrauen. Auch in einem zweiten Punkt sind sich die Prognostiker aktuell weitgehend einig: Die deutsche Volkswirtschaft wird nach 2010 und 2011 auch in diesem und dem nächsten Jahr die Konjunkturlokomotive in Euroland sein und ein stärkeres konjunkturelles Abdriften der Eurozone verhindern. Der aktuelle konjunkturelle Wasserstand signalisiert für die Eurozone insgesamt ein Rezessionsjahr 2012 (Consensus Forecast vom März 2012: -0,4 Prozent). Die deutsche Volkswirtschaft zieht ihre Kraft vor allem aus einer sehr guten Arbeitsmarktentwicklung, um die uns viele Länder in und außerhalb Europas beneiden.

Auch am aktuellen Rand lohnt der Blick auf den Arbeitsmarkt in besonderer Weise.

 

INSM-WiWo-Deutschland-Check April 2012 - die Einzelergebnisse

Der Arbeitsmarktindex konnte sich nach der überraschend negativen Entwicklung im März wieder stabilisieren. Für eine Entwarnung reichen die Index-Werte vom März allerdings nicht:

  • Die Zahl der Arbeitslosen ist saisonbereinigt im März um 18.000 Personen und damit durchaus kräftig gesunken. Das Bild wird zusätzlich noch dadurch aufgehellt, dass der Februar-Wert nachträglich korrigiert worden ist. Statt des zunächst gemeldeten Anstiegs ist die Zahl der Arbeitslosen auch im Februar – allerdings nur schwach – rückläufig gewesen. Die befürchtete Trendwende ist bei diesem Teilindikator also nicht eingetreten.

  • Maßgeblich für den Rückgang des Arbeitsmarktindex im Februar war der relativ starke Rückgang der gemeldeten offenen Stellen. Hier hat es keine Korrektur des Februarwertes gegeben. Allerdings hat sich der herbe Rückschlag im März nicht wiederholt. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen war zwar erneut mit -1.000 rückläufig, aber das Bild von einer Stabilisierung beschreibt die Entwicklung im März wohl zutreffender. Gleichwohl legt die Entwicklung der letzten zwei Monate nahe, dass die lange Zeit zu beobachtende lebhaft zunehmende Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften ein vorläufiges Ende gefunden hat.  

  • Insgesamt hat der Arbeitsmarktindex im März wieder leicht um 0,2 Prozent zugelegt, ohne jedoch den herben Verlust aus dem Vormonat ausgleichen zu können.

  • Der Arbeitsmarktindex blieb damit im März im Vollbeschäftigungskorridor, näherte sich aber dem unteren Rand Korridors weiter an. Um Abstand zum unteren Rand zu halten, müsste der Arbeitsmarktindex um etwa ein Prozent steigen. Das hat er zuletzt im Januar dieses Jahres geschafft.

Auch der Wachstumsindex konnte im März weiter Boden gut machen. Insbesondere einer der drei Indikatoren ist dafür verantwortlich:

  • Treibende Kraft war wie schon im Vormonat im März erneut der DAX-Performance-Index. Die positive Grundstimmung behielt im Laufe des März die Oberhand, so dass der Index um 1,3 Prozent auf 6.947 Punkte anstieg. Die Gewinne waren damit zwar deutlich schwächer als in den beiden Vormonaten (+9,5 Prozent im Januar  und +6,2 Prozent im Februar), aber immer noch beachtlich.

  • Der Ifo-Lage-Index stagnierte im März auf dem Niveau von 117,4 Punkten. Die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes meldeten dem Ifo-Institut eine leicht eingetrübte Geschäftslage. Da ihre Aussichten für die nächsten Monate weiterhin positiv sind, wollen sie gleichwohl ihre Mitarbeiterzahl weiter aufstocken. Im Handel zeigte sich im März ein gespaltenes Bild: Während der Großhandel sich eher skeptisch präsentierte, meldeten die Einzelhändler eine deutliche Belebung ihres Geschäfts. Hier schlägt sich die gute Entwicklung des privaten Konsums nieder, angetrieben von der günstigen Arbeitsmarkt- und Lohnentwicklung.

  • Die Entwicklung der saison- und kalenderbereinigten Industrieproduktion zeigt schon seit einigen Monaten keinen klaren Trend, sondern ist von einem Auf und Ab gekennzeichnet. Im Februar ging die Industrieproduktion um 0,4 Prozent zurück, nachdem sie im Januar noch um fast 1 Prozent zulegen konnte. Für den Rückgang im Februar zeichnet vor allem der Konsumgüterbereich verantwortlich, der einen Produktionseinbruch um 2,1 Prozent verzeichnete. Die Vorleistungsgüterproduzenten kamen mit einem Minus von 0,3 Prozent deutlich günstiger weg; die Investitionsgüterhersteller konnten sogar ein leichtes Plus von 0,3 Prozent verbuchen. Für den März signalisiert das IW-Prognosemodell einen weiteren Rückgang der Industrieproduktion von 0,7 Prozent. Ein Hoffnungsschimmer für die weitere Entwicklung  ist, dass die Auftragseingänge in der Industrie sich zuletzt wieder erhöht haben, wobei derzeit die treibenden Kräfte aus dem Ausland und dabei aus Ländern außerhalb der Eurozone kommen.

  • Insgesamt konnte der Wachstumsindex den dritten Monat in Folge, wenn auch mit abgeschwächtem Tempo, Geländegewinne verzeichnen (+0,5 Prozent).  

INSM-WiWo-Deutschlandcheck: IW-Index

Zu den fünf Einzelindikatoren: Der Dax-Performance-Index konnte im März seinen Sicherheitsabstand zur 100-Prozent-Schwelle weiter ausbauen, der Ifo-Lage-Index zumindest seinen knapp positiven Abstand zum Vorkrisen-Niveau halten. Der Produktionsindex verlor hingegen wieder an Boden und vergrößerte seinen Abstand zum Vorkrisen-Niveau. Weiter auf der Sonnenseite präsentieren sich die Arbeitsmarktindikatoren. Der Abstand zur 100-Prozent-Grenze ist komfortabel, so dass in absehbarer Zeit kein Abrutschen unter das Vorkrisen-Niveau zu erwarten ist.

INSM-WiWo-Deutschlandcheck: IW-Index


Methodik: Arbeitsmarktindex und Wachstumsindex

Vollbeschäftigung und Wachstum sind die zwei dominierenden wirtschaftspolitischen Zielgrößen. Die Fortschritte bei der Zielerreichung werden im D-Check monatlich anhand von zwei Indizes überprüft, den  Arbeitsmarktindex und den Wachstumsindex (siehe schematische Darstellung).

INSM-WiWo-Deutschlandcheck: IW-IndexDie Messung beginnt rückwirkend im September 2005, dem Monat der vorletzten Bundestagswahl, die den Wechsel vom Rot-Grün zur Großen Koalition brachte. Die Lage zu diesem Zeitpunkt wird für beide Indizes auf einen Index-Wert von 100 Punkten normiert. Sowohl der Arbeitsmarkt – als auch der Wachstumsindex sind so konstruiert, dass ein ansteigender (rückläufiger) Wert eine Verbesserung (Verschlechterung) der Arbeitsmarkt- bzw. Wachstums-Performance anzeigt.

Der Arbeitsmarkt-Index setzt sich zusammen aus der Zahl der Arbeitslosen und der Zahl der (ungeförderten) offenen Stellen. Um einen sinnvoll interpretierbaren Vormonatsvergleich zu ermöglichen, werden jeweils die saison- und kalenderbereinigten Werte herangezogen. Die zwei Subindikatoren werden gleichgewichtig zu einem Gesamtindikator „Arbeitsmarkt“ verdichtet.

Zusätzlich wird dem Arbeitsmarkt-Index ein „Vollbeschäftigungstrichter“ zugeordnet. Dahinter steht die Zielformulierung, bis Mitte 2015 die Arbeitslosenquote auf einen Wert von 3 bis 4 Prozent zu reduzieren. Auf diese Weise ist es möglich, monatlich zu prüfen, ob die deutsche Volkswirtschaft beim eingeschlagenen Tempo dieses Ziel erreichen kann. Spätestens bei Erreichen des unteren Randes des Trichters muss die Politik ihre arbeitsmarktpolitischen Anstrengungen erhöhen, um bis Mitte 2015 Vollbeschäftigung zu erreichen. Durchbricht der Index den oberen Trichterrand, ist die Volkswirtschaft auf einem Kurs, der Vollbeschäftigung früher als Mitte 2015 erwarten lässt.

Der Wachstums-Index ist grundsätzlich nach demselben Muster wie der Arbeitsmarkt-Index konstruiert. Er setzt sich aus drei gleichgewichteten Subindikatoren zusammen: Produktion im verarbeitenden Gewerbe (saison- und kalenderbereinigt), Lageeinschätzung aus dem Ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft und dem DAX-Performance-Index (Monatsendstand) als Proxy für die Finanzmarktentwicklung. Da der amtliche Produktionsindex gegenüber den beiden anderen Indizes nur mit einem Monat verzögert vorliegt, wird die Produktionsentwicklung mithilfe eines IW-Prognosemodells um einen Monat fortgeschrieben.  

Ergänzend wird in einer dritten Grafik der aktuelle Stand der fünf Einzelindikatoren dokumentiert, wobei das 1. Vierteljahr 2008 = 100 gesetzt wird. Auf diese Weise wird auf einen Blick deutlich, wie sich die Lage der Volkswirtschaft seit der Zeit vor dem Einsetzen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise entwickelt hat. So ist mit einem Blick zu erkennen, wie weit der Indikator noch von seinem Vor-Krisen-Niveau entfernt ist. Werte von größer (kleiner) 100 für die drei Subindikatoren des Wachstumsindex und die Zahl der offenen Stellen signalisieren, dass das Vor-Krisen-Niveau überschritten (unterschritten) wird. Bei  der Arbeitslosigkeit zeigen Werte unter (über) 100 eine Verbesserung (Verschlechterung) gegenüber dem ersten Quartal 2008 an.