Arbeitsmarkt- und Wachstumsindex im Juni 2011: fulminantes ersten Quartal

"Deutsche Wirtschaft in glänzender Verfassung“ – so kommentierte der neue Bundeswirtschaftsminister, Dr. Philipp Rösler, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen zum Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2011. Saisonbereinigt gegenüber dem ersten Quartal war das reale BIP überraschend stark um 1,5 Prozent  gewachsen. Gemessen am Vorjahresniveau betrug der Zuwachs 5,2 Prozent. Der durch die schwerste Nachkriegsrezession ausgelöste scharfe Einbruch der realen Wirtschaftsleistung wurde damit bereits im 1. Vierteljahr 2011 wieder übertroffen. In den bis dato vorliegenden Konjunkturprognosen wurde dies erst für  Mitte bis Ende 2011 erwartet.

Erfreulich auch: Treibende Kraft für das gute Ergebnis war die Binnennachfrage, insbesondere die Investitionen in  Ausrüstungen und Bauten. Auch die Konsumausgaben zogen an. Der Aufschwung steht somit auf einem breiten Fundament und wird nicht mehr allein vom Export getragen. Insofern wundert es nicht, dass die Kritik aus dem Ausland am „Geschäftsmodell Deutschland“ mittlerweile verstummt ist. Deutschland hat sich zur Konjunkturlokomotive in Europa gemausert und sorgt über steigende Importe auch für zusätzliche Nachfrage in unseren Nachbarländern. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln geht nunmehr davon aus, dass das reale Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 3 ½ Prozent ansteigt und genauso stark wächst wie im Nachkrisenjahr 2010. 

Das hohe Wachstumstempo des ersten Quartals, auch begünstigt durch Nachholeffekte wegen des frühen und strengen Winters, wird allerdings im zweiten Quartal nicht zu halten sein. Dies signalisieren auch die Entwicklungen des Arbeitsmarkt- und Wachstumsindex im Mai. Der Aufwärtstrend des Arbeitsmarktindex verlor etwas an Tempo, beim Wachstumsindex sind sogar leichte Verluste zu verzeichnen.


INSM-WiWo-Deutschland-Check: Die Ergebnisse im Einzelnen

Im Mai trugen beide Teilindikatoren zum Anstieg des Arbeitsmarktindex bei. Allerdings hat sich das Entwicklungstempo gegenüber den Vormonaten abgeschwächt:

  • Die Zahl der Arbeitslosen ging im Mai saisonbereinigt nur noch um 8.000 Personen zurück, das ist der schwächste Anstieg seit Dezember 2010. Aber erfreulich ist, dass die Arbeitslosenzahl damit zum zweiten Mal in Folge unter der 3-Millionen-Grenze liegt.  

  • Auch die Entwicklung der Zahl der gemeldeten offenen Stellen hat im Mai Dynamik eingebüßt. Während im April der Zuwachs noch 13.000 Stellen betrug ging er im Mai auf ein Plus von nur noch 2.000 Stellen zurück. Ob es sich nur um eine vorübergehende Beruhigung der Arbeitsnachfrage handelt, lässt sich anhand eines einzelnen  Monatswertes nicht beurteilen. Die zunehmenden Klagen der Unternehmen über Fachkräfteengpässe und die ebenfalls zunehmenden Meldungen über Produktionsbehinderungen wegen fehlenden Personals lassen eher vermuten, dass die Zahl der von den Unternehmen gemeldeten offenen Stellen in den nächsten Monaten weiter ansteigen wird..

  • Insgesamt stieg der Arbeitsmarktindex im Mai nur um 0,6 Punkte oder 2,1 Prozent. Einen Anstieg unter 1 Prozent hatte es zuletzt im Februar 2010 gegeben. In der Folgezeit bewegte sich die Dynamik in einem Bereich von 1 bis 3 Prozent pro Monat. Trotz der verlangsamten Gangart bleibt der Arbeitsmarkt im Mai im Vorwärtsgang.

Die gute Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes in und nach der schweren Rezession und die Diskussion über zunehmende Fachkräfteengpässe am deutschen Arbeitsmarkt zeigen, dass hohe Arbeitslosigkeit nicht unser Schicksal sein muss und Vollbeschäftigung keineswegs eine unerfüllbare Illusion bleiben muss.

Um dem Vollbeschäftigungsziel Nachdruck zu verleihen, wird mit dieser Ausgabe des Deutschland-Checks der Arbeitsmarktindex um einen Zieltrichter erweitert und grafisch umgesetzt (siehe Abb. Arbeitsmarktindex). Der Zieltrichter ist so konstruiert, dass bei einer Bewegung des Arbeitsmarktindexes innerhalb des Trichters bis Mitte 2015 eine Arbeitslosenquote zwischen 3 Prozent (oberer Trichterrand) und 4 Prozent (unterer Trichterrand) erreicht wird. Bleibt der Arbeitsmarktindex innerhalb des Trichters wäre der Arbeitsmarkt somit auf Vollbeschäftigungskurs.

Vollbeschäftigung ist nicht erst bei einer Arbeitslosenquote von null Prozent  erreicht. Allein schon wegen der natürlichen Fluktuation auf einem funktionierenden Arbeitsmarkt liegt die Quote deutlich höher. Denn ein dynamischer und flexibler Arbeitsmarkt ist immer in Bewegung, Arbeitsplätze gehen verloren und neue entstehen. Die Frage, bei welcher Arbeitslosenquote Vollbeschäftigung genau erreicht ist, lässt sich kaum eindeutig beantworten und ändert sich im Zeitablauf. Der Zieltrichter trägt dieser definitorischen Ungenauigkeit Rechnung, indem er eine Spanne vorgibt.  

Der Startpunkt für den Zieltrichter wurde auf den Wendepunkt des Arbeitsmarktindex im Juli 2009 gelegt. Die Entwicklung zeigt, dass die Entwicklung in den ersten Monaten knapp unterhalb des unteren Trichterrands verlief. Im September 2009 setzte dann eine merkliche Beschleunigung des Arbeitsmarktindex ein mit der Folge, dass er sich seit Mai 2010 innerhalb des Zieltrichters in Richtung oberen Rand bewegt. 

Anmerkung zum Wachstumsindex: Das Ifo-Institut hat mit Wirkung vom Mai 2011 die Gewichtung seines Index einer aktualisierten Wirtschaftszweigklassifikation angepasst. Zudem wurde das Basisjahr von 2000 auf 2005 verändert. Beide Änderungen wurden hier übernommen. Durch diese Revision hat sich der Wachstumsindex, in der Ifo-Lage-Index mit einem Viertel eingeht, rückwirkend leicht verändert, ohne jedoch die bisherigen Bewertungen stark zu beeinflussen.


Der Wachstumsindex tendierte im Mai negativ:

  • Die Entwicklung an den Börsen zeichnet dafür verantwortlich. Der DAX-Performance-Index ist im Mai regelrecht eingebrochen. Zwischen Ende April und Ende Mai verlor der Index 220 Punkte oder umgerechnet 2,9 Prozent. Mit 7.294 Punkten bleibt er allerdings deutlich oberhalb der 7.000-Grenze, die er im Januar 2011erstmals seit Mai 2008 durchbrechen konnte.

  • Der Ifo-Lage-Index stieg im Mai um 0,3 Prozent an. Die Neuberechnung (siehe obige Anmerkung) hatte für den Vormonat eine Korrektur von +0,4 auf 0 Prozent gebracht. Daran gemessen ist der Anstieg im Mai als Erfolg zu werten. Die Unternehmen bewerten ihre Geschäftslage nach wie vor als ausgesprochen gut.

  • Auch die Industrieproduktion tendierte zuletzt eher schwach. Für den Monat April meldete das Statistische Bundesamt einen saisonbereinigten Rückgang von  0,6 Prozent. Die Prognose für Mai liefert einen leichten Anstieg, allerdings ohne kräftige Dynamik.

  • Insgesamt verlor der Wachstumsindex im Mai 1,3 Prozent. Die positive Entwicklung der beiden anderen Indikatoren – Ifo-Lage-Index  und Industrieproduktion – konnten den Rückgang beim DAX nicht kompensieren.

(Klicken Sie in das Vorschaubild und lassen Sie sich diese Grafik in höhrer Auflösung anzeigen.)

INSM-WiWo-Deutschland-Check Juni 2011

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Ein Blick auf die fünf Einzelindikatoren zeigt ein unverändertes nur marginal verändertes Bild bei den beiden Arbeitsmarktindikatoren. Durch die Neuberechnung des Ifo-Geschäftsklimaindex hat der Ifo-Lage-Index trotz des leichten Plus im Mai etwas an Boden verloren, liegt aber nach wie vor deutlich über dem Vorkrisenniveau. Deutlicher abgerutscht ist der DAX-Performance-Index. Nach wie vor gilt, dass nur die Industrieproduktion den Vorkrisenwert noch nicht wieder erreicht hat.