Experten-Votum im April 2011: Wege zu dauerhaft hoher Beschäftigung
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Aktuelles Experten-Votum im Rahmen des INSM-WiWo-Politik-Checks – Zusammenfassung
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Grundsätzliches zum Experten-Votum im Rahmen des INSM-WiWo-Deutschland-Checks
Die schwungvolle Konjunktur sorgt auch in diesem Jahr weiterhin für eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften. Gleichzeitig wirkt sich ein seit einigen Jahren zurückgehendes Arbeitskräfteangebot entlastend auf den Arbeitsmarkt aus. Die anziehende Arbeitskräftenachfrage und ein sinkendes Arbeitskräfteangebot führen zu einem kräftigen Abbau der Arbeitslosigkeit. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen könnte die Arbeitslosenquote für ganz Deutschland in den kommenden Jahren auf Werte fallen, wie sie früher in Westdeutschland üblich waren.
Ende März/Anfang April 2011 haben 75 Ökonomen – Professoren für Wirtschaftswissenschaften an deutschen Universitäten – diese aktuellen Trends auf dem Arbeitsmarkt bewertet.
Was die Möglichkeit und den Zeitpunkt für das Unterschreiten der 2-Millionen-Marke bei der Zahl der Arbeitslosen betrifft, gehen die Meinungen der Professoren auseinander.
- Drei von zehn Experten (Anzahl: 23) sind optimistisch, da sie davon ausgehen, dass diese Zahl, die sich der Vollbeschäftigung annähert, bereits bis 2013 erreicht werden kann.
- Knapp die Hälfte der Befragten bewertet die künftige Entwicklung der Arbeitslosenzahlen deutlich skeptischer. Sie sehen Deutschland erst langfristig nach 2015 (13) oder gar nicht (22) unterhalb der 2-Millionen-Arbeitslosengrenze.
- Jeder zweite Experte glaubt, dass eine Differenzierung der Arbeitslosenquote nach Ost und West erst nach 2020 hinfällig werden wird.
- Knapp ein Viertel der Befragten hält eine Konvergenz bei der Arbeitslosenquote sogar für unmöglich.
- Immerhin jeder vierte Ökonom glaubt, dass eine Angleichung bei der Arbeitslosenquote in den neuen und alten Bundesländern bereits bis 2020 stattfinden kann.
Vier wesentliche Voraussetzungen, damit Deutschland einen dauerhaft hohen Beschäftigungsstand erreichen kann, sind: die verstärkte Qualifizierung bei Gruppen mit unterdurchschnittlicher Erwerbstätigkeit zum Beispiel Geringqualifizierte, Ältere usw., ein ausreichender Lohnabstand zwischen Transferbezug und Arbeitslohn, flexible Beschäftigungsverhältnisse sowie eine moderate Lohnentwicklung.
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Im Hinblick auf das Ziel der Vollbeschäftigung wirkt sich der Trend hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen besonders positiv aus. Hier sind sich die Experten einig. Auch die Wissensintensivierung wird in der Mehrheit der Fälle für gut geheißen. Mit dem Bevölkerungsrückgang geht ein Rückgang des Arbeitskräfteangebots einher. Dies wirkt sich günstig auf den Arbeitsmarkt aus. So sieht das auch die Mehrheit der Professoren (53). Allerdings sind es nur 14 Experten, die hier eine eindeutig positive Auswirkung erwarten. In sieben von zehn Fällen (51) wird der Internationalisierungstrend eher positiv goutiert. Gemischter ist das Bild beim Trend „technologischer Fortschritt/Digitalisierung“.
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Fast drei Fünftel der Experten glauben, dass diese Tendenz eine begünstigende Wirkung in Hinblick auf das Ziel der Vollbeschäftigung hat. Gleichzeitig sind es immerhin 20 Personen, die hier einen negativen Effekt erwarten.
INSM-WiWo-Experten-Votum März/April 2011: Erläuterung der Ergebnisse
Die deutsche Wirtschaft brummt. Die gute Konjunktur hat für einen Wachstumskurs bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und der Erwerbstätigkeit gesorgt. Auch in diesem Jahr setzt sich der kräftige Aufschwung fort und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt weiter. Entlastend wirkt außerdem ein seit einigen Jahren zurückgehendes Arbeitskräfteangebot.
In 2010 betrug die Arbeitslosenquote in Deutschland knapp sieben Prozent. Mit knapp unter drei Millionen Arbeitslosen war im Oktober 2010 die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit 1992 gesunken. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen könnte die Arbeitslosenquote in den kommenden Jahren auf Werte fallen, wie sie früher in Westdeutschland üblich waren. Ist das realistisch? 75 Ökonomen – Professoren für Wirtschaftswissenschaften an deutschen Universitäten – haben im Rahmen der Kurzumfrage IW-Expertenvotum Ende März/Anfang April 2011 die aktuellen Trends auf dem Arbeitsmarkt bewertet.
Konkret gefragt wurde:
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Glauben Sie, dass unter den aktuellen Rahmenbedingungen die 2-Millionen-Marke bei der Zahl der Arbeitslosen in Deutschland unterschritten werden kann?
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Bis wann, glauben Sie, wird eine Differenzierung der Arbeitslosenquote zwischen Ost und West hinfällig werden?
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Was sind wesentliche Voraussetzungen, damit Deutschland einen dauerhaft hohen Beschäftigungsstand erreichen kann?
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Welche Wirkung haben wesentliche Trends in Hinblick auf das Ziel von Vollbeschäftigung in Deutschland?
Meinungen gehen auseinander bei 2-Millionen-Ziel bei Zahl der Arbeitslosen
Deutschland wäre mit dem Erreichen der 2-Millionen-Marke bei der Zahl der Arbeitslosen dem Ziel der Vollbeschäftigung sehr nahe. Die befragten Experten bewerten die Möglichkeit und den Zeitpunkt für das Unterschreiten dieser Marke sehr unterschiedlich und polarisiert (Grafik unten:
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Drei von zehn Experten – 23 Experten – sind optimistisch. Sie vertreten die Meinung, dass die 2-Millionen-Marke bereits in den kommenden zwei Jahren (2012 und 2013) geknackt werden kann.
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Fast genauso viele Ökonomen – 22 Personen – halten es jedoch auch mittelfristig für unrealistisch, die Arbeitslosigkeit überhaupt auf unter zwei Millionen zu reduzieren. Weitere 13 Ökonomen sehen diese Arbeitslosenzahl erst nach dem Jahr 2015. Knapp die Hälfte der Befragten bewertet die künftige Entwicklung der Arbeitslosenzahlen deutlich skeptischer. Sie sehen Deutschland erst langfristig nach 2015 oder gar nicht nahe dem Vollbeschäftigungsziel.
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Lediglich 12 Professoren haben sich dafür entschieden, dass Deutschland in den Jahren 2014 und 2015 auf unter 2 Millionen Erwerbslose kommen kann.
Ost-West-Konvergenz bei der Arbeitslosigkeit weiterhin Zukunftsmusik
In 2010 betrug die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern zwölf Prozent und in den alten Bundesländern knapp sieben Prozent. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern in den vergangenen fünf Jahren stärker zurückgegangen als in den alten Bundesländern. In 2019 endet der Solidarpakt II für den Aufbau Ost, der die Mittel für die neuen Bundesländer festlegt. Es stellt sich die Frage, ob eine Differenzierung der Arbeitslosenquote nach Ost und West in absehbarer Zeit hinfällig wird, da der wirtschaftliche Aufholprozess dank der Solidarpakte in den neuen Bundesländern weitgehend abgeschlossen ist und somit keine weitere finanzielle Unterstützung für den Aufbau Ost notwendig sein werden. Die Mehrheit der befragten Professoren erwartet jedoch eine Angleichung bei der Arbeitslosenquote zwischen Ost und West erst langfristig nach 2020 oder gar nicht (Grafik unten):
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Die Hälfte der Befragten (36 Experten) sieht eine bundesweit einheitliche Arbeitslosenquote erst nach 2020.
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Fast ein Viertel der Ökonomen (17 Personen) glaubt, dass eine Angleichung zwischen neuen und alten Bundesländern gar nicht stattfinden wird.
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Immerhin rund ein Viertel der Professoren kann sich vorstellen, dass eine Differenzierung bei der Arbeitslosenquote nach Ost und West bereits vor 2020 überflüssig wird.
Qualifizierung und ausreichender Lohnabstand sind wesentliche Voraussetzungen
Vier Fünftel der befragten Experten sehen vier wesentliche Voraussetzungen für einen dauerhaft hohen Beschäftigungsstand in Deutschland (Grafik unten):
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Ganz oben steht die verstärkte Qualifizierung bei Gruppen, die aktuell unterdurchschnittlich erwerbstätig sind. Dazu gehören beispielsweise Geringqualifizierte, Ältere, Migranten und Behinderte. Fast jeder zweite Experte erachtet dies sogar als eine sehr relevante Bedingung an, ermöglicht es doch diesen Gruppen einen leichteren (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt.
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Für die Mehrheit der befragten Ökonomen sind ein ausreichender Lohnabstand zwischen Transferbezug und Arbeitslohn eine wichtige Voraussetzung, um Erwerbslose über Anreizsysteme dazu zu bringen, sich eine Beschäftigung zu suchen. Knapp zwei Fünftel der Befragten befinden dies als „sehr wesentlich“.
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Flexible Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeitarbeit, Zeitarbeitsverhältnisse, geringfügige oder befristete Beschäftigung sind moderne Instrumente des Personaleinsatzes und haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Mehr als vier Fünftel der befragten Ökonomen, erachten flexible Beschäftigungsverhältnisse als ein wichtiger Schritt in Richtung Vollbeschäftigung. Etwa ein Drittel (25 Personen) sieht flexible Beschäftigungsmodelle sogar für sehr essentiell an, um Beschäftigung in Deutschland zu generieren.
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Gleichzeitig ist auch notwendig, dass die Lohnentwicklung moderat bleibt. Ein Drittel der 75 Ökonomen sieht das als „sehr wesentlich“ ein, weitere 36 Experten als „eher wesentlich“.
Nicht an vorderster Stelle aber in vielen Fällen als zumindest „eher wesentliche“ Grundlage auf dem Weg in Richtung Vollbeschäftigung werden stabile Finanzmärkte und eine Verringerung des Abgabenkeils bei Steuern und Sozialabgaben erachtet.
Deutlich geteilter ist die Expertenmeinung, ob der Verzicht auf Mindestlöhne eine relevante Basis für einen dauerhaft hohen Beschäftigungsstand in Deutschland ist. Während mehr als jeder zweite Ökonom hier zumindest „eher wesentlich“ angibt, darunter 22 Personen sogar „sehr wesentlich“, sieht dies etwas weniger als die Hälfte (34 Fachleute) als eine eher irrelevante Bedingung an.
Faktoren wie Preisstabilität, Stärkung der Binnennachfrage sowie die Erleichterung der Zuwanderung werden von mehr als einem Drittel der Experten als „eher wesentlich“, aber in nur wenigen Fällen als eine zentrale Bedingung zum Erreichen eines dauerhaft hohen Beschäftigungsstands betrachtet.
Trend zu flexiblen Arbeitszeitmodellen und zu Wissensintensivierung besonders positiv
Im Hinblick auf das Ziel der Vollbeschäftigung müssen nicht nur wesentliche Voraussetzungen erfüllt werden. Parallel wirken verschiedene Trends, die die Zielerreichung erleichtern, aber auch erschweren können. Die 75 Experten wurden gebeten, diese Trends im Hinblick auf das Ziel der Vollbeschäftigung zu bewerten. Besonders positiv wird der Trend hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen erachtet, aber auch die Wissensintensivierung und der Bevölkerungsrückgang wirken sich günstig auf den Arbeitsmarkt aus (Grafik unten):
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Der Trend „flexible Arbeitszeitmodelle“ wird fast einstimmig für positiv befunden. Ein Drittel der befragten Ökonomen entscheiden sich hier sogar für eine eindeutige positive Wirkung. Kein Experte erwartet hier negative Wirkungen.
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Auch die Wissensintensivierung wird in der Mehrheit der Fälle für gut geheißen, um Vollbeschäftigung in Deutschland zu erreichen. Fast ein Drittel der Fälle befindet die Wissensintensivierung für positiv, rund die Hälfte der Befragten klassifiziert diese Tendenz als „eher positiv“. Sieben Befragte erwarten keine Wirkungen und fünf Personen gaben „eher negativ“ an.
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Mit dem Bevölkerungsrückgang geht ein Rückgang des Arbeitskräfteangebots aus. Dies wirkt sich günstig auf den Arbeitsmarkt aus. So sieht das auch die Mehrheit der Professoren (53). Allerdings sind es nur 14 Experten, die hier eine eindeutig positive Auswirkung erwarten. Gleichzeitig gibt es auch zwölf Ökonomen, die keinen Effekt vorhersehen. Weitere 8 Befragte befürchten zumindest einen eher negativen Einfluss.
In sieben von zehn Fällen (51 Personen) wird der Internationalisierungstrend eher positiv goutiert. Allerdings sind es nur 10 Experten, die hier eine klare positive Wirkung erwarten. Gemischter ist das Bild beim Trend „technologischer Fortschritt/Digitalisierung“. Fast drei Fünftel der Experten, darunter aber nur 11 Personen mit einem klaren „positiv“, glauben, dass diese Tendenz eine begünstigende Wirkung in Hinblick auf das Ziel der Vollbeschäftigung hat. Gleichzeitig sind es immerhin 20 Personen, die hier einen negativen Effekt erwarten.
Folgende Trends haben laut jedem zweiten Experten eine zumindest eher günstige Wirkung auf die Beschäftigung in Deutschland: die zunehmende Bedeutung von Dienstleistungen an der Wertschöpfung (Tertiarisierung), die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und die Alterung der Bevölkerung. Allerdings entscheiden sich jeweils nur sechs bis sieben Ökonomen für deutlich positive Effekte. Hier gibt auch ein beträchtlicher Anteil der Befragten an, dass diese drei Trends keine oder sogar eher negative Auswirkungen haben können.
INSM-WiWo-Deutschland-Check: Das IW-Expertenvotum
Das IW-Expertenvotum befragt vier Mal im Jahr Ökonomen als Experten zu aktuellen politischen Vorgängen. Angeschrieben werden hierfür 275 Professoren für Wirtschaftswissenschaften an deutschen Universitäten. Konzipiert wird die Kurzbefragung von der IW Consult, einer Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.
Diese Befragungsrunde konzentrierte sich auf eine Bewertung der aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Experten wurden zwischen dem 22. März 2011 und 05. April 2011 online befragt. Teilgenommen haben an der Befragung insgesamt 75 Ökonomen.




