Experten-Votum im Oktober 2011: Was tun in der Euro-Krise?
- Aktuelles Experten-Votum im Rahmen des INSM-WiWo-Politik-Checks – Zusammenfassung
- Eurokrise - der politische Hintergrund
- Experten-Votum im INSM-WiWo-Politik-Check - Erläuterung der Ergebnisse
- Grundsätzliches zum Experten-Votum im Rahmen des INSM-WiWo-Deutschland-Checks
Aktuelles Experten-Votum im Rahmen des INSM-WiWo-Politik-Checks – Zusammenfassung
Die hohen Schulden einiger Mitgliedsstaaten haben den Euro-Raum in eine schwierige Situation gebracht, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Auch wenn nicht der Euro selbst in der Krise ist, kann die Schuldenkrise zu einer langfristigen Abschwächung der wirtschaftlichen Perspektiven führen. Um dies zu verhindern, werden in der Politik verschiedenste Lösungsansätze diskutiert, die von der Einrichtung einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung über verfassungsrechtliche Schuldenbremsen bis zu einer geordneten Insolvenz von Staaten reichen.
Zu diesem Themenkomplex wurden für das vorliegende Expertenvotum im Rahmen des INSM-WiWo-Deutschland-Checks 96 Professoren für Wirtschaftswissenschaften, die in Deutschland tätig sind, befragt. Die Befragung fand Ende September 2011 statt.
Die zentralen Ergebnisse lauten wie folgt:
- Die Experten sprechen sich mehrheitlich gegen eine gemeinsame Euro-Wirtschaftsregierung aus: 60 der 96 befragten Experten sind gegen die Einrichtung einer solchen Instanz, während 33 dafür sind. Die restlichen drei Experten enthalten sich.
- Uneinig sind sich die Experten im Hinblick auf eine gemeinsame Fiskalpolitik der Euro-Staaten: 44 von ihnen sprechen sich dafür aus, 52 dagegen.
- Gemeinschaftliche Anleihen („Euro-Bonds“) werden nahezu einhellig abgelehnt: 81 Experten sind gegen ihre Ausgabe, 14 Experten dafür. Ein Experte enthält sich.
- Nahezu einhellig ist auch die Meinung zu einer Schuldenbremse: 81 der 96 Experten sind dafür, dass alle Euro-Staaten eine Schuldenbremse in ihre Verfassung aufnehmen sollten. 14 Experten sind dagegen und ein Experte enthält sich.
- 76 Experten sind der Ansicht, dass die EZB keine Anleihen hochverschuldeter Euro-Staaten ankaufen sollte, um zu deren Stabilisierung beizutragen. 17 Experten hingegen sprechen sich dafür aus, während sich drei Experten enthalten.
- Geteilt sind die Meinungen zur Einrichtung des dauerhaften Euro-Rettungsschirms (ESM): 44 Experten halten dies für sinnvoll, 50 hingegen nicht. Zwei Experten vertreten hier keine Position.
- Allerdings sind die Experten mehrheitlich der Ansicht, dass unter dem ESM die Möglichkeit einer „geordneten Insolvenz“ in Betracht gezogen werden sollte: 80 Experten sprechen sich für dieses Instrument der Schuldenbewältigung aus. 11 Experten sind dagegen und fünf enthalten sich.
Zusammenfassend weisen die geäußerten Meinungen darauf hin, dass Maßnahmen gegen die Schuldenkrise im Euro-Raum darauf ausgerichtet sein müssen, die Wettbewerbsfähigkeit der Staaten bzw. Standorte zu sichern und zu erhöhen. Die Zentralisierung von Entscheidungskompetenzen und die Vergemeinschaftung von Schulden werden dabei von den meisten Experten nicht als probates Mittel angesehen. Eher geeignet ist der überwiegenden Meinung zufolge beispielsweise eine Schuldenbremse auf Verfassungsrang.
Eurokrise - der politische Hintergrund
Der Euro-Raum befindet sich in einer schwierigen Phase. Die hohen Schulden einiger Mitgliedsstaaten, die darauf reagierenden Beurteilungen durch Finanzakteure sowie Reformwiderstände in den Bevölkerungen sind nur einige Elemente des Geflechts von Schwierigkeiten, gegen die die Politik anzukommen hat. Gleichzeitig werden von verschiedenen Seiten des politischen Spektrums und auch aus der Wirtschaftswissenschaft dezidierte Meinungen dazu vorgebracht, wie gegen die „Schuldenkrise im Euro-Raum“ vorzugehen ist. Es überrascht nicht, dass die Meinungen auseinandergehen; dies erschwert es jedoch, eine zusammenfassende Einschätzung vorzunehmen. Vor diesem Hintergrund dient das vorliegende IW-Expertenvotum dazu, einen Überblick über die Meinung von Wirtschaftsexperten zu ausgewählten Aspekten der Schuldenkrise im Euro-Raum zu geben.
Für das vorliegende IW-Expertenvotum wurden Ende September 2011 insgesamt 96 Professoren für Wirtschaftswissenschaften, die an Universitäten in Deutschland tätig sind, befragt. Im Einzelnen wurde die Zustimmung der Experten zu den folgenden Aussagen erhoben:
- „Der Euro-Raum benötigt eine gemeinsame Wirtschaftsregierung.“
- „Der Euro-Raum benötigt eine gemeinsame Fiskalpolitik.“
- „Der Euro-Raum benötigt gemeinschaftliche Euro-Anleihen.“
- „Alle Länder im Euro-Raum sollten eine Schuldenbremse in die Verfassung aufnehmen.“
- „Die EZB sollte Staatsanleihen hochverschuldeter Euro-Staaten ankaufen, um zu deren Stabilisierung beizutragen.“
- „Es ist sinnvoll, einen dauerhaften Rettungsschirm für Euro-Staaten (ESM) einzurichten.“
- „Wenn der ESM besteht, sollte die Möglichkeit einer ‚geordneten Insolvenz‘ von Staaten im Euro-Raum in Betracht gezogen werden.“
Die Experten konnten ihre Zustimmung zu diesen Aussagen auf einer Skala zum Ausdruck bringen, die aus den Möglichkeiten „Stimme voll und ganz zu“, „Stimme eher zu“, „Stimme eher nicht zu“, „Stimme überhaupt nicht zu“ und „Keine Angabe“ bestand. Darüber hinaus hatten die Experten die Möglichkeit, am Ende der Befragung ein offenes Statement abzugeben.
Auf Basis der Aussagen und Statements lässt sich – dem Ziel des IW-Expertenvotums entsprechend – ein Stimmungsbild erheben, ohne die Experten zeitlich zu stark zu beanspruchen. Eine tiefergehende Beschäftigung mit den angesprochenen Aspekten erfordert naturgemäß eine differenzierte Betrachtung, bei der auch wechselseitige Abhängigkeiten zu beachten sind, auf die einzelne Experten in der Befragung hingewiesen haben.
Experten-Votum im INSM-WiWo-Politik-Check - Erläuterung der Ergebnisse
Im Zuge der Staatsschuldenkrise wird verstärkt vorgebracht, dass die gemeinsame Währung eine Zentralisierung von Entscheidungskompetenzen zu wirtschaftlichen Fragen erfordern würde – in Form einer gemeinsamen „Wirtschaftsregierung“ für den Euro-Raum. Sowohl für als auch gegen eine solche Instanz lassen sich Argumente anführen. Dennoch tendiert die Meinung der Experten in eine eindeutige Richtung: Eine gemeinsame Wirtschaftsregierung wird
- von 60 Experten abgelehnt und
- von 33 Experten befürwortet.
Der Unterschied ist statistisch bedeutsam: Die Anzahl der Gegner ist signifikant größer als die Anzahl der Befürworter.
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Uneinigkeit herrscht hingegen in Bezug auf eine gemeinsame Fiskalpolitik im Euro-Raum:- 44 Experten sprechen sich dafür aus,
- 52 Experten dagegen (Tabelle 2).
Obwohl demnach eine Tendenz gegen eine gemeinsame Fiskalpolitik besteht, ist diese Tendenz nur schwach und statistisch nicht signifikant. Die einzelnen Experten nehmen allerdings eine eindeutige Position ein; ein dezidiertes Expertenstatement aus der Befragung hierzu: „Die ‚Fiskalunion‘ oder Wirtschaftsunion sind Scheinlösungen. Wenn schon die klar fixierten Regeln innerhalb der Euro-Zone bedeutungslos sind, wie soll eine Fiskalunion funktionieren, die mehrheitlich von Ländern mit lockerer Haushaltsdisziplin gebildet wird?“
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Nahezu eindeutig ist die Meinung der Experten zu gemeinschaftlichen Anleihen der Euro-Staaten. Solche Anleihen werden deutlich überwiegend abgelehnt:
- 81 Experten sind gegen dieses Instrument,
- nur 14 Experten sind dafür (Tabelle 3).
Dass die Ablehnung besonders stark ist, äußert sich auch darin, dass 60 der insgesamt 96 Experten sogar „überhaupt nicht“ der Ansicht sind, dass gemeinschaftliche Euro-Anleihen benötigt werden. Die Eindeutigkeit des Votums wird durch die statistische Signifikanz bestätigt.
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Das Statement eines Experten fasst die Skepsis gegenüber einer stärkeren Zentralisierung von Entscheidungskompetenzen zusammen: „Europa muss erkennen, dass jede Form der Vergemeinschaftung öffentlicher Schulden einer Ausweitung kollektiver Verantwortungslosigkeit gleichkommt. (…) Wer den Frieden in Europa erhalten will, kommt nicht umhin, bei den Staatsfinanzen für eine Stärkung nationaler Eigenverantwortung einzutreten.“
Obwohl sich die Mehrheit der Experten insofern gegen eine stärkere Zentralisierung ausspricht, gehen die Meinungen auseinander. Ein Statement aus der Befragung verdeutlicht dies in besonderer Deutlichkeit: „Die Euro-Krise wird entweder die Integration Europas zurückwerfen oder einen neuen Schritt der Integration einleiten (gemeinsame Wirtschafts- und Fiskalpolitik). Mein Vorschlag zur Überwindung der Krise ist die Intensivierung der ökonomischen und der politischen Integration durch Aufgabe der Souveränitätsrechte der einzelnen Staaten.“
Experten sprechen sich für eine Schuldenbremse in allen Euro-Staaten aus
Nahezu einhellig ist die Beurteilung einer Begrenzung der öffentlichen Schulden. Die Experten sprechen sich deutlich überwiegend dafür aus, dass alle Euro-Staaten eine Schuldenbremse in ihre Verfassung aufnehmen sollten:
- 81 Experten stimmen dem zu,
- während lediglich 14 Experten dagegen sind (Tabelle 4).
Auch dies ist ein statistisch signifikanter Unterschied. Weiterhin liegt die Anzahl derjenigen, die einer Schuldenbremse sogar „voll und ganz“ zustimmen, bei 54 von insgesamt 96 Experten.
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Eines der Expertenstatements bringt zum Ausdruck, wie bedeutend eine institutionalisierte Selbstbindung in den einzelnen Staaten sein kann: „Langfristiges Vertrauen kann nur durch langfristig bindende Reformen wiedergewonnen werden. Wir brauchen einen Stabilitätspakt II, der die Schuldenmacherei in allen Euroländern ein für allemal beendet. Die derzeit betriebene Politik der Haftungsübernahme von solide wirtschaftenden Ländern für die Schulden der anderen wird leider das Gegenteil bewirken.“ Eine Schuldenbremse in den einzelnen Staaten wäre ein mögliches Element eines solchen Stabilitätspakts II. Dadurch könnte zumindest teilweise auch der Schwierigkeit entgegengewirkt werden, dass eine Schuldenbremse – selbst wenn sie in der Verfassung verankert ist – nachträglich im nationalen politischen Prozess aufgeweicht werden könnte.
Experten sind gegen Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB
Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) Staatsanleihen ankauft, um zur Stabilisierung hochverschuldeter Euro-Staaten beizutragen, kann sie zur Beruhigung von Finanzakteuren beitragen. Ob Schuldenprobleme anschließend langfristig gelöst werden, ist allerdings fraglich, zumal die EZB keine Reformbedingungen stellen kann. Die Experten sind mithin weit überwiegend der Ansicht, dass die EZB keine Staatsanleihen zu Stabilisierungszwecken ankaufen sollte:
- Nur 17 Experten sind dafür,
- während 76 Experten dagegen sind (Tabelle 5).
Auch dies ist ein statistisch signifikanter Unterschied.
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Uneinigkeit hinsichtlich ESM - aber Befürwortung einer „geordneten Insolvenz“ von Staaten
Der geplante dauerhafte Rettungsschirm für Euro-Staaten – der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) – soll dazu dienen, die Gemeinschaftswährung soweit möglich gegen ausufernde Schulden einzelner Staaten zu schützen und langfristig zu stabilisieren. Zu diesem Zweck sollen im Rahmen des ESM auch Reformbedingungen gestellt werden. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass sich die Existenz des ESM negativ auf die Haushaltsdisziplin der Euro-Staaten auswirken kann. Entsprechend geteilt sind die Meinungen der Experten:
- 44 von ihnen halten die Einrichtung des ESM für sinnvoll,
- 50 halten sie nicht für sinnvoll (Tabelle 6).
Obwohl also eine Tendenz gegen den ESM besteht, ist sie nicht besonders stark – und statistisch nicht signifikant.
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Wenn der ESM besteht, sollte den Experten zufolge die Möglichkeit einer „geordneten Insolvenz“ von Staaten in Betracht gezogen werden:
- 80 Experten sprechen sich dafür aus,
- lediglich 11 Experten dagegen.
Dass die Befürwortung besonders stark ist, äußert sich auch darin, dass 61 Experten „voll und ganz“ zustimmen. Weiterhin ist die Anzahl der Befürworter einer geordneten Insolvenz signifikant größer als die Anzahl der Gegner. Ein Experte fasst zusammen: „Wo die Märkte zum Staatsbankrott tendieren, kann sich der Staat auch mit noch so großen Summen nicht dagegen stemmen. Er kann nur versuchen, den Staatsbankrott in geordnete Bahnen zu lenken, um so einen Neuanfang zu erleichtern.“
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Hinzuweisen ist darauf, dass der ESM keine zwingende Bedingung für die Möglichkeit einer geordneten Insolvenz sein muss. Zwei Expertenstatements hierzu: „Der ESM löst das Verschuldungsproblem nicht. (…) Die beste Hilfe für überschuldete Länder ist die Möglichkeit einer geordneten Insolvenz“ und „Der ESM muss die Liquidität sichern. Davor müssen die überschuldeten Länder umschulden, bis sie solvent sind.“
Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit als übergreifendes Ziel
Ein Statement aus der Befragung fasst die Meinung vieler Experten zusammen: „Die Schuldenkrise einiger Mitgliedstaaten in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion hat ihre Ursache in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit dieser Volkswirtschaften. Dauerhafte Rettungsschirme, Eurobonds oder der Ankauf von Schuldpapieren dieser Staaten durch die EZB vermögen an dieser Situation nichts zu verändern. Daher sollten die Maßnahmen darauf gerichtet sein, die Wettbewerbsfähigkeit dieser Volkswirtschaften wieder herzustellen.“ Das Ziel der Sicherstellung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit von Staaten bzw. Standorten kann mithin als Leitlinie angesehen werden, an der sich Entscheidungen über Maßnahmen orientieren können, mit denen auf die Schuldenkrise im Euro-Raum reagiert wird.
Grundsätzliches zum Experten-Votum im Rahmen des INSM-WiWo-Deutschland-Checks
im Auftrag von INSM und WiWo befragt die IW Consult vier Mal im Jahr Professoren für Wirtschaftswissenschaften an Universitäten in Deutschland zu aktuellen politischen Vorgängen befragt. Die IW Consult ist eine Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Die Befragung wird über das Internet durchgeführt.
Die Befragung für das vorliegende Votum fand vom 19. bis zum 29. September 2011 statt. Insgesamt wurden 295 Professoren angeschrieben; 96 Professoren haben sich an der Befragung beteiligt.

