Professoren-Panel im Januar 2012

Der politische Hintergrund der Befragung

Innovationen gelten gemeinhin als Schlüssel für mehr Wachstum. Innovationsförderung wird daher meist mit Wachstumsförderung gleichgesetzt. Aber gibt es diesen Zusammenhang? Bringen Innovationen mehr Arbeitsplätze? Und was kann wie getan werden, um Innovationen zu fördern? Vor dem Hintergrund dieser Fragen dient das vorliegende IW-Expertenvotum dazu, einen Überblick über die Meinung von Wirtschaftsexperten zum Thema „Innovationen und Wachstum in Deutschland“ zu geben.

INSM-WiWo-Deutschland-Check - die Befragung

Die Befragung für das vorliegende IW-Expertenvotum fand vom 12. bis zum 28. Dezember 2011 statt. Insgesamt wurden 352 Professoren für Wirtschaftswissenschaften angeschrieben, die an Universitäten in Deutschland tätig sind; 68 Professoren haben sich an der Befragung beteiligt. Im Einzelnen wurde die Zustimmung der Experten zu den folgenden Aussagen erhoben:

  • „Innovationen sind der wichtigste Treiber des Wirtschaftswachstums.“
  • „Innovationen bringen eher Arbeitsplätze als dass sie Arbeitsplätze kosten.“
  • „Die Politik sollte Innovationen allgemein fördern (beispielsweise über die steuerliche Begünstigung von Forschungs- und Entwicklungsausgaben), anstatt gezielt Innovationen in ausgewählten Technologiebereichen zu fördern (beispielsweise über die Teilfinanzierung von Einzelprojekten).“
  • „Die Politik sollte die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöhen.“
  • „Um Innovationen zu fördern, sollte die Politik den Engpässen an innovationsrelevanten Fachkräften (Forscher, Ingenieure etc.) entgegenwirken, beispielsweise über die Bildungs- und Zuwanderungspolitik.“
  • „Regulierungshemmnisse für die Umsetzung neuer Ideen sollten beseitigt werden ...
  • … auf dem Arbeitsmarkt.“
  • … auf dem Produktmarkt.“
  • … auf dem Kapitalmarkt.“
  • „Der internationale Patentschutz sollte ausgebaut werden.“

Die Experten konnten ihre Zustimmung zu diesen Aussagen auf einer Skala zum Ausdruck bringen, die aus den Möglichkeiten „Stimme voll und ganz zu“, „Stimme eher zu“, „Stimme eher nicht zu“ und „Stimme überhaupt nicht zu“ bestand. Darüber hinaus hatten die Experten die Möglichkeit, am Ende der Befragung ein offenes Statement abzugeben.

Auf Basis der Aussagen und Statements lässt sich – dem Ziel des IW-Expertenvotums entsprechend – ein Stimmungsbild erheben, ohne die Experten zeitlich zu stark zu beanspruchen. Eine tiefergehende Beschäftigung mit den angesprochenen Aspekten würde naturgemäß eine differenzierte Analyse erfordern, bei der auch spezifische Arten von Innovationen zu betrachten wären.

Zusammenfassung: Positive Wachstums- und Beschäftigungswirkungen durch Innovationen

Das Wachstum der Wirtschaftsleistung stellt ein zentrales Ziel der Wirtschaftspolitik dar – dies gilt trotz zuweilen geäußerter Kritik und Forderungen nach alternativen Konzepten. Sowohl Befürworter als auch Kritiker eint im Übrigen zumeist das Anliegen, „nachhaltiges“ Wachstum zu erreichen, also Wachstum, das langfristig tragfähig ist und nicht auf nur kurzfristig wirkenden Faktoren basiert. Es liegt nahe, dass Innovationen dabei eine wichtige Rolle spielen können. Dementsprechend sind fast alle befragten Experten der Ansicht, dass Innovationen der bedeutendste Treiber des Wachstums sind: 64 der 68 Experten vertreten diese Meinung.

Ein Experte äußert sich zusammenfassend wie folgt: „Innovationen ermöglichen der Menschheit eine effizientere und schonendere Nutzung der verfügbaren Ressourcen. Sie sind somit die zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige Verbesserung unserer materiellen sowie immateriellen Lebensbedingungen.“ Dass es auch andere Meinungen gibt und dass die Art der Innovationen wichtig ist, verdeutlichen die folgenden zwei Statements: „Innovationen als Wachstumstreiber werden überschätzt, weil neue Klingeltöne die Produktivität nicht steigern.“ „Innovationen sind für die Wettbewerbsfähigkeit eines Hochlohnlandes sehr wichtig, aber die Kausalität zwischen Innovationen und Wachstum ist nicht eindeutig. Es gibt auch noch andere gute Maßnahmen für Wachstum.“

Ein weiteres zentrales Ziel der Wirtschaftspolitik besteht in einem hohen Beschäftigungsstand. Innovationen können dabei sowohl förderlich als auch hinderlich sein,  denn während oftmals konstatiert wird, dass Produktinnovationen beschäftigungsförderliche Wirkungen haben, gilt dies bei Prozessinnovationen nicht unbedingt. Den Experten zufolge ist insgesamt eher von positiven Wirkungen für den Arbeitsmarkt auszugehen: 59 der 68 Experten sind dieser Ansicht.INSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: Umfrage

Ein Experte bringt zum Ausdruck, warum gerade Deutschland auf eine effektive und effiziente Innovationsförderungspolitik angewiesen ist: „Im globalen Wettbewerb können die Unternehmen eines Hochlohnlandes wie Deutschland internationale Wettbewerbsfähigkeit nur erreichen und ausbauen, wenn weniger der Preis (Wechselkurs) und dafür umso mehr die Qualität, Differenziertheit und Umweltfreundlichkeit der Produkte, d. h Produktinnovationen Nachfrager attrahieren.“

Innovationsförderung erfordert dezentrale Entscheidungshoheit und finanzielle Mittel

Zu den wichtigsten Fragen der Innovationspolitik zählt, ob sich staatliche Förderung gezielt auf bestimmte Bereiche und Projekte beziehen oder allgemein gewährt werden sollte.

Einerseits sind mögliche Mitnahmeeffekte zu vermeiden, die sich vor allem bei einer allgemeinen Förderung ergeben können; andererseits ist fraglich, inwieweit politische Instanzen über ausreichend marktnahe Informationen verfügen, um eine gezielte Förderung erfolgversprechend durchführen zu können. Die Aussagen der Experten lassen vermuten, dass der zweite Aspekt überwiegt: 55 von ihnen sind der Ansicht, dass eine allgemeine Innovationsförderung eher geeignet ist, während sich 13 für eine gezielte Förderung aussprechen.INSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: Umfrage

Das Statement eines Experten hierzu: „Gerade im Bereich von Klimaschutz und erneuerbaren Energien besteht in Deutschland, aber auch in der EU, das Problem, dass die Politik gezielt spezielle, aber nicht unbedingt die richtigen Projekte fördert, anstatt geeignete Rahmenbedingungen für tatsächliche Innovationen zu schaffen.“

Weitgehend einig sind sich die Ökonomen auch bei der Frage, ob die Politik mehr finanzielle Mittel für Forschung und Entwicklung bereitstellen sollte: 51 Experten sprechen sich für eine Erhöhung der staatlichen Ausgaben in diesem Bereich aus, während 15 dagegen sind.

INSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: Umfrage

Zu betonen ist allerdings, dass nicht allein die Höhe der Ausgaben zählt; ein Experte äußert sich wie folgt: „Wichtig ist nicht nur das Volumen an Mitteln, die für Innovationen eingesetzt werden, sondern insbesondere die Effizienz des Innovationssystems! Hier wäre in Deutschland sehr viel zu tun – ich denke etwa an das Schulsystem und an den Bereich der

Forschung.“ Ein anderer Experte fügt hinzu: „Die Umsetzung des ‚wie‘ der Förderung ist ja in der Tat nicht so einfach, wenn es darum geht, Moral Hazard, also Missbrauch von öffentlichen Forschungsgeldern im privaten Sektor, zu vermeiden.“

Indirekte Innovationsförderung durch Innovationserleichterung nötig

Über die Bereitstellung von Fördermitteln hinaus können Innovationen gefördert werden, indem Hemmnisse beseitig werden – solche Hemmnisse können unterschiedlichste Formen annehmen und zahlreiche politische Ressorts betreffen. Im Rahmen der Bildungs- und Zuwanderungspolitik beispielsweise sollte die Politik nach Ansicht der Experten dem Fachkräftemangel entgegenwirken, um dadurch Innovationen zu erleichtern: 63 der 68 befragten Ökonomen sind dieser Meinung.

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In diesem Zusammenhang verdeutlicht das Statement eines Ökonomen die Bedeutung einer breiteren Perspektive: „Die Politik muss Freiräume schaffen und insbesondere bei der Zuwanderungspolitik umlenken. Zugleich sollte Innovationspolitik in Deutschland zunehmend auf Europa ausgerichtet sein. Alleingänge können zwar Impulse setzen, müssen aber schließlich auch europaweit umgesetzt werden, um langfristig zu wirken.“

Weiterhin können Innovationen durch die Regeldichte auf Produkt- und Faktormärkten gehemmt werden. Nach Ansicht der Experten besteht vor allem ein Bedarf, Regulierungshemmnisse auf Produktmärkten abzubauen: 61 der 68 Ökonomen sind für eine innovationsfreundliche Deregulierung in diesem Bereich. Mit 57 Experten spricht sich die Mehrheit auch für den Abbau von Regulierungshemmnissen auf dem Arbeitsmarkt aus. Lediglich bei der Frage, ob auch auf dem Kapitalmarkt Regulierungshemmnisse abgebaut werden sollten – um beispielsweise den Zugang zu Wagniskapital zu erleichtern – sind sich die Ökonomen uneinig: 37 sprechen sich dafür aus, dagegen, wobei dies kein statistisch signifikanter Unterschied ist.INSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: UmfrageINSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: Umfrage

Das Statement eines Ökonomen fasst die Bedeutung von Innovationshemmnissen zusammen – und weist auch darauf hin, dass nicht nur die Politik gefordert ist: „Das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft bleibt seit langem hinter den Möglichkeiten zurück.

Es gibt zu viele Innovationsbarrieren. Die staatliche Verwaltung könnte viel tun, um Investitionsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Aber auch die Bürger sollten sich fragen, ob sie nicht zu schnell dabei sind, alles Neue erst mal abzulehnen, anstatt die Vor- und Nachteile ruhig abzuwägen.“ Ein anderer Experte äußert sich besonders kritisch:

„Innovationen können nur Wachstum generieren, wenn die Umsetzung in die Produktion auch im Lande erfolgen kann. Deutschland hat hier in seinen Kernkompetenzen (u. a. Maschinenbau, Automotive, Chemie) zwar (noch) komparative bis absolute Vorteile, die Umsetzung der Forschungs- und Entwicklungserfolge in Produktion und damit Wirtschaftswachstum wird allerdings allenthalben durch überzogene Regulierungen  (Ökologie, Raumplanung, sozialpolitische Rahmenbedingungen usw.) behindert.“

Internationaler Schutz vor Nachahmern sollte gestärkt werden

Eine entscheidende und laufend diskutierte Frage der Innovationspolitik besteht auch darin, inwieweit Neuentwicklungen – vor allem im Rahmen des Patentwesens – vor Nachahmern geschützt werden sollten. Einerseits dient ein umfangreicher Schutz dazu, Innovationsanreize zu setzen; andererseits kann er zu einer Einschränkung des Wettbewerbs führen. In Anbetracht dieser gegenläufigen Effekte ist es nicht verwunderlich, dass sich sowohl Ökonomen finden, die für einen Ausbau des internationalen Patentschutzes sind, als auch Ökonomen, die dagegen sind. Die Mehrheit der Befragten ist allerdings für einen stärkeren internationalen Schutz von Patenten: 47 sprechen sich dafür aus, 17 dagegen.INSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: Umfrage

INSM-WiWo-Deutschland-Check: über das Expertenvotum

Im Auftrag von WirtschaftsWoche und INSM befragen Wissenschaftler der IW Consult vier Mal im Jahr Professoren für Wirtschaftswissenschaften, die an Universitäten in Deutschland tätig sind, als Experten zu aktuellen wirtschaftlichen und INSM-WiWo-Deutschland-Check Januar 2012: Umfragepolitischen Vorgängen. Konzipiert wird die Befragung von der IW Consult, einer Tochtergesellschaft des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

 

 

 

 

 

 

 

 


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